

Der Liedermacher Wolf Biermann zeigt sich bedrückt über den Siegeszug der AfD in Ostdeutschland. Zwar lehne er hysterische Reaktionen ab, doch wer in dieser Situation nicht „ratlos“ sei und sich nicht „bedrückt“ fühle, sei ein „Träumer“, sagte Biermann dem „Zeit“-Magazin. Mit den Wählern der AfD fühle er sich, wie mit allen Ostdeutschen, dennoch verbunden – „weil wir aus demselben Drama kommen, aus demselben Elend, nur mit sehr verschiedenen Biografien, die sich ja kein einzelner Mensch aussuchen kann“.
Sein Gefühl gegenüber den Ostdeutschen beschreibt er als „politischen Liebeskummer“: „Es bedrückt mich in höchstem Maße, wenn sie jetzt Propagandalügen à la Putin und à la Trump gegen unsere Demokratie verbreiten. Sie reden unser Land schlecht, obwohl sie so elegant rausgekommen sind aus dem Ostblock“, so Biermann. Die Ostdeutschen hätten zu wenig dafür tun müssen: „Anders als die Polen und die Rumänen und all diese sozialistischen Brudervölker, die uns Ostdeutsche beneidet haben um unseren reichen großen Bruder im Westen.“
Im Wohlstand der Deutschen sieht er heute auch einen Grund für den Erfolg der AfD: „Wir leben in einer unglaublich reich ausgerüsteten Demokratie, in einem Wohlstand, den die Deutschen noch nie erlebt, mit Freiheiten, die wir noch nie genossen haben.“ Die AfD-Wähler seien der Ausdruck dieser Situation, „dass die Deutschen einen geradezu irrsinnigen Vorsprung an Reichtum und Wohlstand und Frieden haben. Das ist der Grund, warum fast alle Flüchtlinge der Welt nach Deutschland wollen.“
Biermann, der als junger Mann in die DDR übersiedelte, wurde im Herbst 1976 – vor 50 Jahren – ausgebürgert. Er lebt heute wieder in Hamburg, seiner Geburtsstadt. Sein Vater, Jude und Kommunist, wurde in Auschwitz ermordet. Auch für den Westen warnt Biermann mit Blick in die Geschichte vor einem weiteren Erstarken extremistischer Bewegungen: „Wir hatten hier in Hamburg 99 Prozent Heil-Hitler-Deutsche.“ Die Rückkehr der Barbarei halte er zu jedem Zeitpunkt für denkbar.
dts Nachrichtenagentur
Foto: AfD-Wahlparty (Archiv), via dts Nachrichtenagentur